Dienstag, 4. März 2008

Peripherie als schwarzes Loch

sorry, only in German:

NoBorder-Camp lässt Osteuropa links liegen

Die Unterschiede hätten kaum größer sein können: Während in Rostock und Heiligendamm Duschcontainer, Internetzelte oder multiflexible Volksküchen zum allenthalben begrüßten Campstandard gehörten, ging es beim NoBorder-Camp in der Ukraine vergangenen August ungleich bescheidener zu. Die rund 350 TeilnehmerInnen aus über 15 Ländern verpassten allerdings, den gesellschaftlichen Ursachen dieses Gefälles auf den Grund zu gehen. Konkreter: Die imperiale Degradierung Mittelosteuropas zur kapitalistischen Peripherie blieb einmal mehr unbesprochen. Im Mittelpunkt standen stattdessen die Situation von TransitmigrantInnen vor den Toren der EU sowie Fragen anarchistischer bzw. (sub-)kultureller Selbstorganisierung.

Initiiert bzw. getragen wurde das NoBorder-Camp im wesentlichen von antirassistischen Gruppen aus Kiew und Moskau. Insofern waren weder der politische Fokus auf Transitmigration noch die geografische Wahl des Ortes zufällig: Uzhgorod, die Hauptstadt Transkarpatiens, dort, wo die Ukraine an Ungarn und die Slowakei grenzt. Hintergrund ist, dass sich der westliche Teil der Ukraine bereits seit Jahren zu einer Art Brennpunkt im internationalen Migrationsgeschehen entwickelt hat: Einerseits weil die Außengrenzen der EU 2004 anlässlich der EU-Osterweitung tief gen Osten verschoben wurden (eine Entwicklung, welche nicht mit der erst jüngst erfolgten Vergrößerung des eu-internen Schengenraums verwechselt werden sollte). Andererseits weil jährlich bis zu 50.000 Flüchtlinge und MigratInnen über ukrainisches Territorium die EU erreichen. Und das sind vorsichtige Schätzungen, zumal die Zahlen in den nächsten Jahren eher wachsen dürften. Denn durch den kontinuierlichen Ausbau des EU-Grenzregimes im Süden – insbesondere im Mittelmeer und Atlantik – stehen östliche Migrationsrouten unter Flüchtlingen und MigrantInnen immer höher im Kurs, ganz gleich, ob diese aus arabischen Ländern, dem fernen Osten oder Afrika kommen.
Die EU lässt indessen nichts unversucht, angrenzende Nachbarländer wie Marokko, Libyen oder die Ukraine zu Pufferstaaten auszubauen. Zentraler Hebel ist die so genannte „Europäische Nachbarschaftspolitik“. In ihrem Rahmen werden Handelserleichterungen, Lockerungen in der Visa-Politik oder Kreditprogramme in Aussicht gestellt, umgekehrt erklären die beteiligten Länder ihre Bereitschaft zur Implementierung migrationpolitischer (oder anderer), meist durch die EU finanzierter Maßnahmen. Entscheidendes Verdienst des NoBorder-Camps dürfte es gewesen sein, die Konsequenzen dieser Politik erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit in der (West-)Ukraine zugänglich gemacht zu haben. Thematisiert worden ist insbesondere die Situation all der Flüchtlinge und MigrantInnen, welche beim irregulären Grenzübertritt aufgegriffen wurden, unter ihnen auch etliche, welche die Slowakei bereits erreicht hatten. Denn die Aufgegriffenen werden in der Ukraine gemeinhin für 6 Monate interniert, einzig um nach ihrer Freilassung einen weiteren (statistisch spätestens nach dem dritten Mal erfolgreichen) Einreiseversuch in die EU zu unternehmen.
Exemplarisch sei das 60 Kilometer von Uzhgorod entfernte Internierungslager Pawschino erwähnt. Im Kalten Krieg waren dort SS-20-Raketen stationiert – angeblich mit Zielen in Belgien. Heute vegetieren in der mitten im Wald gelegenen Kaserne über 500 Männer, bewacht von ukrainischem Militär. Aus Sicherheitsgründen müssen die Insassen die Häuser tagsüber verlassen, wer flieht, wird von Jagdhunden verfolgt. Immer wieder ist es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen um Wasser und Nahrung gekommen. Die sanitären Anlagen spotten jeder Beschreibung, beheizt wird der marode Komplex mit Holz, das die Flüchtlinge und Migranten selber schlagen müssen. Einen Asylantrag zu stellen, ist in Pawschino zwar möglich, allerdings nur, wenn Verwandte zuvor erhebliche Mengen Geld geschickt haben – und selbst dann ist es nicht sicher, ob der Antrag tatsächlich bearbeitet wird. Bis vor Kurzem ist das von der Caritas Austria co-betriebene Pawschino eines jener so genannten Geheimlager an den Außengrenzen der EU gewesen, von dem allenfalls Menschenrechtsorganisationen vereinzelt wussten. Um so erfreulicher war es, dass es während des NoBorder-Camps zu einer lauten, mithin öffentlichen Protestkundgebung vor dem Lager gekommen ist (1).

Und doch: So bedeutsam die antirassistischen Interventionen gewesen sind, es hat einen ausgesprochen schalen Beigeschmack hinterlassen, dass die in den 1990er Jahren schocktherapeutisch erfolgte Peripherisierung Mittelosteuropas im Rahmen des NoBorder-Camps so gut wie keine Rolle gespielt hat. Ja, ausdrücklich zur Sprache gekommen ist sie lediglich ein einziges Mal – in einem Workshop zur Automobilindustrie in der Slowakei. Ansonsten wurde der gesamte Problemkomplex – gleichsam hinterrücks – ins private Gespräch delegiert, und das trotz eines äußerst heterogenen Veranstaltungsprogramms, mit Workshops etwa zu ‚Sexismus innerhalb der Linken’, zu ‚Ökodörfern in Russland’ oder zur ‚gesellschaftlichen Lage im gegenwärtigen Frankreich’. Mit anderen Worten: Es scheint durchaus angemessen, von einem temporären Kollektiv-Blackout der NoBorder-Community zu sprechen. Umgekehrt gibt es eine Vielzahl an Gründen bzw. Fragen, weshalb dies auf keinen Fall das Ende der kommunikativen Fahnenstange sein sollte:
a) Im Rahmen bewegungslinker Aufmerksamkeitsökonomien hat Mittelosteuropa – jedenfalls von einem deutschen bzw. westeuropäischen Standpunkt aus – noch nie sonderlich gut abgeschnitten. Denn anders als beispielsweise Lateinamerika scheinen mittelosteuropäische Gesellschaften kaum Identifikationspotential zu bieten – was sachlich natürlich Quatsch ist. Wenn überhaupt wird Mittelosteuropa mit den Verbrechen der Nazis oder dem stalinistischen GULAG in Zusammenhang gebracht, zuweilen auch mit der gegenwärtigen Verfolgung von Roma. Indes: Eine solche oft melancholisch unterfütterte Betrachtungsweise ist irreführend. Was Not tut, ist vielmehr eine breitere Auseinandersetzung, unter anderem mit der Geschichte des autoritären Parteikommunismus – wie es nicht zuletztältere AktivistInnen aus Mittelosteuropa immer wieder anmahnen. Dass dies keineswegs eine verstaubte Angelegenheit ist, zeigt im übrigen die äußerst kontroverse Debattenlage über aktuelle Entwicklungen in Venezuela.
b) Indem die gesellschaftliche Situation Mittelosteuropas weitgehend ausgeblendet wurde, dürften nur die wenigsten der westlichen CampteilnehmerInnen – es sei denn, sie waren ohnehin informiert – eine angemessene Vorstellung von dem tatsächlichen Ausmaß sozialer Verwerfungen erhalten haben, welche die mittelosteuropäischen Transformationsländer in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten erschüttert haben. Spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, weshalb noch nicht einmal die mittelosteuropäischenAktivistInnen selbst die betreffenden Probleme auf’s Tapet gebracht haben. Waren bzw. sind sie der ganzen (Transformations-)Chose schlicht überdrüssig, wie die sichtlich desillusionierten Ausführungen einer Aktivistin aus Moskau den Eindruck erweckten? Oder lag es an der subkulturellen Orientierung, welche unter anarchistischen Gruppen in Mittelosteuropa – aus ganz verschiedenen Gründen – vergleichsweise hoch ist? Oder hatte es damit zu tun, dass es immer wieder einen politischen und sozialen Drahtseilakt darstellt, innerhalb politischer Kollektive soziale, rechtliche etc. Differenzen auf produktive Art und Weise zum Gegenstand gemeinsamer Reflektionen zu machen?
c) In der tendenziellen Unbekümmertheit gegenüber den sozioökonomischen Aspekten Mittelosteuropas dürfte obendrein auch der Umstand zum Ausdruck gekommen sein, dass internationalistische Fragestellungen immer noch – und zwar nicht nur in Deutschland – eineher randständiges Dasein fristen: eingeklemmt zwischen demonstrativem Desinteresse des linksradikalen Mainstreams, latinophilem Revolutionstourismus und antiimperialistischer Dogmatik. Beispielhaft sei etwa auf die derzeit verhandelten EPA-Verträge („Economic Partnership Agreements“) zwischen der EU und zahlreichen afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten verwiesen (ak 514). Obwohl diese im Falle ihrer Umsetzung die Existenzgrundlagen vieler Millionen Menschen ruinieren werden, sind es bislang vor allem NGOs und Teile von attac gewesen, welche hierzulande überhaupt so etwas wie Gegenöffentlichkeit aufgebaut haben. Aber auch grundsätzliche Debatten sind eher selten, etwa darüber, worin im Zeitalter der Globalisierung ein realitätstaugliches Verständnis von Imperialismus bestehen könnte. Und wird doch einmal über diese und verwandte Fragen diskutiert wie z.B. beim Kapitalismus Reloaded-Kongress im November 2005, gelingt es im Anschluss häufig nicht, die mehr oder minder akademisch aufgeladenen Beiträge ins bewegungsinterne Diskursuniversum einzuspeisen.

Mittelosteuropa ist alles andere als homogen – so viel steht fest. Vor allem die Unterschiede zwischen den EU-Beitrittsländern und den übrigen Staaten wie der Ukraine oder Russland sollten nicht aus dem Blick geraten. Dennoch lohnt es, die gemeinsamen Grundzüge dessen herauszuarbeiten, was unter dem leicht verschraubt anmutenden Begriff der Peripherisierung firmiert, vor allem im Hinblick darauf, wie jener Prozess mit der neoliberalen, mithin imperialen Restrukturierung des globalen Kapitalismus verknüpft ist (2).
Konkret: Meist ist es das Epochenjahr 1989, welches als Beginn des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft in Mittelosteuropa gilt. Das ist nicht falsch, gleichwohl droht eine allzu scharfe Zäsur den Umstand zu vernebeln, dass die realsozialistischen,im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zusammengeschlossenen Staaten immer auch – zumindest mit einem Bein – Teil des kapitalistischen Weltmarktes geblieben sind: Einerseits über den Warenhandel sowie gemeinsame Produktionsketten (eine Tochter desschweizerischen Unterwäscheherstellers Triumph hat etwa seit 1972 in Ungarn produzieren lassen), andererseits über die internationalen Kreditmärkte. Just auf diesen sind jedoch zahlreiche RWG-Länder Anfang der 1980er Jahre in die Schuldenfalle getappt – genauso wie große Teile insbesondere Lateinamerikas. Exemplarisch angeführt sei Rumänien: Die Rücksichtslosigkeit, mit der die dortige Bevölkerung ausgepresst wurde, hatte nämlich nicht nur mit der irrwitzigen und viel zitierten Politik des Potentaten-Pärchen Ceausescu zu tun, sondern auch mit dem Erfordernis, unter rigoroser Aufsicht des IWF Auslandsschulden in Höhe von 10 Milliarden Dollar abzutragen (eine Aufgabe, die bezeichnenderweise 1989 zum Abschluss gekommen ist). Solche und ähnliche Verwicklungen sind indessen mehr als bloße Anekdoten. Sie erklären vielmehr, weshalb überall im Ostblock bereits im Laufe der 1980er Jahre marktwirtschaftliche Konzepte auf dem Vormarsch waren. Hierzu gehörte auch die Entstehung einer schmalen Schicht junger, überwiegendneoliberal ausgerichteter WirtschaftstechnokratInnen. Als zwischen 1989 und 1991 die realsozialistischen Machapparate in rasendem Tempo kollabierten, sind es nicht zuletzt jene Nachwuchskader gewesen, welche als so genannte „Reformer“ in zentrale Positionen des Staates gelangten. Mit Unterstützung internationaler Kreditgeber sowie einer überwiegend pro-westlich gestimmten Bevölkerung sorgten sie dafür, dass der Übergang zu kapitalistischen Verhältnissen (mit wenigen Ausnahmen wie z.B. Slowenien) nicht abgefedert, sondern schocktherapeutisch vollzogen wurde – eine Entwicklung, an deren Ende die soziale und ökonomische Peripherisierung Mittelosteuropas stand:

a) Marktpreise & Enteignung von Sparguthaben: Die Subventionierung von (Grund-)Nahrungsmitteln, Heizkosten oder öffentlichem Verkehr ist aus neoliberaler Sicht Teufelszeug. Preise müssten sich vielmehr – so das Credo – frei am Markt bilden können. Konsequenterweise wurden nach 1989 Subventionen allenthalben gestrichen. Effekt sind aberwitzige Preisexplosionen gewesen: Polen etwa hat 1989/90 eine Hyperinflation von 600 Prozent erlebt, in der Ukraine sind die Preise 1992 sogar um 1200 Prozent gestiegen – freilich ohne Lohnanpassung. Nebenbei hat sich hierdurch das Vermögen der kleinen SparerInnen gänzlich in Luft aufgelöst. Und das war durchaus gewollt, lag doch in den riesigen – zu Zeiten realsozialistischer Güterknappheit entstandenen – Sparvermögen ein erhebliches Inflationspotential (3).
b) Restriktive Haushaltspolitik: Ein neoliberal getrimmtes Staatswesen spart, wo es nur kann – vor allem wenn es eine (künstlich ausgelöste) Hyperinflation wieder einzufangen gilt. Im ohnehin ärmlichen Bulgarien ist beispielsweise die Zahl der Krankenhausbetten zwischen 1989 und 2005 um 38 Prozent zurückgegangen – wer behandelt werden möchte, muss für Essen, Medikamente und Pflegekosten selber aufkommen. Dass dies bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von gerade mal 163 Euro kaum zu bewerkstelligen ist, dürfte sich von selbst verstehen.
c) Produktionseinbrüche, Arbeitslosigkeit & Verarmung: Im Zuge rascher und kompromissloser Marktöffnungen – und somit ungebremster Konkurrenz durch die Weltmärkte – ist Mittelosteuropa von einer massiven Pleitewelle heimgesucht worden. Insgesamt schrumpfte die industrielle Produktion in den Ex-RGW-Staaten zwischen 1990 und 1993 um 40-70 Prozent. Dies wiederum hat die Arbeitslosigkeit von 0 Prozent auf rund 20 Prozent, teilweise 40 Prozent hochschnellen lassen, besonders betroffen waren bzw. sind Frauen. In Tschechien ist die Zahl der beschäftigten Personen zwischen 1990 und 2000 um 39 Prozent zurückgegangen. In Polen betrug die Arbeitslosigkeitsrate 2007 immer noch 15 Prozent, wobei Arbeitslosenunterstützung lediglich in den ersten Monaten gewährt wird. Unterm Strich muss also von einem massiven Schub der Verarmung gesprochen werden: In Russland lebten 1989 2 Millionen Menschen in Armut, Mitte der 1990er Jahre war diese Zahl auf 74 Millionen angewachsen. Besonders dramatisch ist das so genannte Phänomen desTransformationstodes: Nach einer UNICEF-Studie sind im Jahr 1993 in Mittelosteuropa – inklusive Russland und der Ukraine – 1,4 Millionen Menschen mehr gestorben als 1989. Zurückgeführt wurde das vor allem auf den rasanten Anstieg von Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Es überrascht also nicht, dass Migration bis heute einer der wenigen Hoffnungsanker geblieben ist. Zum Beispiel sollen seit 1994 ca. 12-14 Prozent der UkrainerInnen das Land verlassen haben, in Rumänien und Bulgarien sind es etwa 10-12 Prozent gewesen.
d) Privatisierung & westliche Konzerne: Kernstück des Transformationsprozesses war die Privatisierung staatseigener Betriebe. Diese hat sich fast flächendeckend als gigantische und äußerst korrupte, ja räuberische Umverteilungsmaschine von unten nach obenerwiesen. Mit dem Ergebnis, dass überall in Mittelosteuropa eine neue, mitunter grotesk reiche Elite entstanden ist – darunter etliche Kader und Günstlinge des untergegangenen Regimes. Dramatisch war nicht zuletzt der Umstand, dass das kollektive bzw. öffentliche Vermögen gleichsam zu Schleuderpreisen verschenkt wurde: In Russland etwa hat der mittlerweile in Ungnade gefallene (Ex-)Oligarch Michail Chodorkowski den Öl-Giganten Yukos für schlappe 309 Millionen Dollar ersteigert, bereits einige Jahre später betrug der jährliche Gewinn seines Unternehmens 3 Milliarden Dollar. Und doch: Als wahre Gewinner müssen die westlichen, mithin europäischen Konzerne gelten. Sie haben Mittelosteuropa weitgehend unter sich aufgeteilt – zuweilen erst in der zweiten Runde des Aus- bzw. Weiterverkaufs. Neben industrieller Fertigung standen insbesondere infrastrukturelle Sektoren wie Energie, Telekommunikation oder das Bankenwesen hoch im Kurs. Das Ausmaß der Eigentumsübertragung ist unter anderem an den Anteilen erkennbar, welche ausländische Unternehmen an den Gesamtexporten eines Landes halten: Jener Anteil beträgt in Polen 60 Prozent, in Tschechien 70 Prozent und in Ungarn 80 Prozent!
e) Mittelosteuropa als verlängerte Werkbank: Durch Deindustrialisierung (s.o.) und Besitzerwechsel hat sich in Mittelosteuropa nicht nur die Zusammensetzung der Produktion, sondern auch deren räumliche Verflechtung grundlegend geändert. Noch 1990 hat zum Beispiel Ungarn 60 Prozent seiner Exporte mit den damaligen RGW-Staaten abgewickelt – davon entfielen jeweils ein Viertel auf Maschinen & Transportausrüstungen, Nahrungsmittel & lebende Tiere, chemische Produkte sowie sonstige Industriegüter. Demgegenüber gingen 2000 – also 4 Jahre vor Erweiterung der EU – 75 Prozent der ungarischen Exporte in EU-Länder, wobei die Automobilindustrie mit über 60 Prozent den Löwenanteil ausmachte. Hintergrund ist, dass transnationale Konzerne die arbeits- bzw. lohnintensiven Schritte ihrer Produktion seit den frühen 1990er Jahren immer stärker in den Ex-RGW-Raum ausgelagert haben. Profitabel war bzw. ist das vor allem ob des herrschenden Lohngefälles in Europa: 2004 musste zum Beispiel in Deutschland durchschnittlich 27,60 Euro pro Arbeitsstunde aufgewendet werden (inklusive der so genannten Lohnnebenkosten), in Spanien 16,60 Euro, in Ungarn 4,55 Euro und in der Slowakei 3,30 Euro. Und doch: Seit die Löhne selbst in Mittelosteuropa leicht anziehen – zumindest in den städtischenBoomregionen – hat das westliche Kapital begonnen, seine Fühler gen Osten auszustrecken, etwa in die Ukraine. Dass dort mit den ArbeiterInnen alles andere als zimperlich verfahren wird, räumt ein Sprecher des ukrainischen Ablegers von Phillips unumwunden ein: „Da darf man sich keine sehr flexible Arbeit erwarten. In dem Unternehmen geht es sehr militärisch zu. Aber die Qualität ist gut, und lohnintensive Tätigkeit lassen wir jetzt dort machen.“

So krass die sozialen Verwerfungen in Mittelosteuropa sein mögen, der kapitalistische Transformationsprozess hat sich stets veritabler Unterstützung aus der Bevölkerung erfreut – und zwar nicht nur seitens der Eliten bzw. der neokapitalistischen GewinnlerInnen. Dennoch ist es aus mindestens 4 Gründen äußerst unwahrscheinlich, dass Mittelosteuropa in absehbarer Zeit seinen peripheren Status überwinden kann – jene Position der bloß selektiven Anbindung an die Investitions-, Absatz- und Produktionsbedürfnissedes kapitalistischen Zentrums: Erstens gehen die Investitionen westlicher Konzerne in Mittelosteuropa – entgegen anders lautender Behauptungen – nur in homöopathischen Dosen mit regionalen Entwicklungsschüben einher, den so genannten Trickle-down-Effekten. Stattdessen werden sowohl die Produktionsanlagen als auch die hochwertigen Einzelkomponenten – etwa in der Automobilindustrie – komplett importiert, d.h. in Mittelosteuropa wird vor allem ‚zusammengeschraubt’, sonst nichts. Zweitens: Indem die transnationalen Konzerne ihre Gewinne rückübertragen und obendrein kaum Steuern zahlen (letzteres wird in der Regel als Investitionsanreiz gewährt), gehen den mittelosteuropäischen Staaten sowohl Devisen als auch Steuereinnahmen in beträchtlichem Umfang durch die Lappen – beides ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für Industrie- und Infrastrukturpolitik. Drittens: Seit 1989 ist in Mittelosteuropa jedwede Form von Handels- und Investitionshemmnissen beseitigt worden. Neu gegründete Unternehmen sind folglich immer schon mit der ungleich produktiveren Konkurrenz aus den dominanten Industrieländern konfrontiert, ein Problem, das auch Lateinamerika und Afrika schmerzlich bekannt ist. Hinzu kommt viertens ein gigantischer, in der Transformationsepoche auf 365 MilliardenEuro angewachsener Schuldenberg (der EU-Beitrittsländer) – was im übrigen der Grund ist, weshalb der IWF seit 1989 durchgängig seine Finger mit im Spiel hat. Der Zwang zu Zins- und Tilgungszahlungen sorgt indes für einen ständigen Abfluss finanzieller Ressourcen Richtung Westen – auch das ein Garant für die dauerhafte Peripherisierung Mittelosteuropas.

Bei aller Kritik, es wäre ein fundamentaler, gleichsam linkskeynsianisch motivierter Irrtum, würde die Peripherisierung Mittelosteuropas zu einer Art Betriebsunfall kleingeredet werden. Wer so argumentiert, verkennt die geoökonomische Dimension des Transformationsprozesses ganz und gar: Der Kollaps des Ostblocks ist nämlich aus Sicht westlicher Konzerne vor allem deshalb ein Glücksfall gewesen, weil er die Möglichkeit eröffnete, jener Überakkumulations- bzw. Profitkrise etwas entgegenzusetzen, welche die Weltmärkte seit Anfang der 1970er Jahre erschüttert hat. Konkret: Im Osten konnte erstens überschüssiges Kapital angelegt, zweitens eine neue Absatzwelt erschlossen und drittens konkurrenzlos billig produziert werden. Allein: Dies wäre unmöglich gewesen, hätten die EU (im Rahmen der EU-Osterweitung) sowie der IWF (im Rahmen des Schuldenmanagements) nicht knallharten Druck ausgeübt – beispielsweise indem sie die mittelosteuropäischen Länder zur weitgehenden Öffnung ihrer Agrar- und Lebensmittelmärkte gezwungen haben, während umgekehrt der Westen abgeschottet blieb. Das aber verweist darauf, dass die militärische Intervention – wie etwa im Irak – im Zeitalter der Globalisierung nur die Spitze des imperialistischen Eisbergs darstellt. Wesentlicher dürfte hingegen das Bestreben einer dauerhaften Peripherisierung ganzer Weltregionen sein (4). Denn erst die Existenz ungleicher sozio-ökonomischer ‚Entwicklungs’-Level oder eines nicht-kapitalistischen Außen erlaubt die Etablierung grenzüberschreitender Wertschöpfungsketten und somit eine stabile, d.h. profitträchtige Kapitalakkumulation.

Gregor Samsa (NoLager Bremen)

(1) Für nähere Infos zu Pawschino und zum NoBorder-Camp: Vgl. http://pawschino.antira-info/ – verwiesen sei unter anderem auf zwei Video-Dokumentation, die im Rahmen des NoBorder-Camps entstanden sind.
(2) Vgl. zu Folgendem insbesondere: Hannes Hofbauer, EU-Osterweiterung, Wien 2007, PROKLA 128, Peripherer Kapitalismus in Europa (September 2002), Naomi Klein, Die Schockstrategie, Frankfurt 2007 und Joseph Stieglitz, Die Schatten der Globalisierung, München 2004
(3) Ist im Kapitalismus Geld ‚locker’ verfügbar, steigen die Preise gleichsam automatisch.
(4) Vgl. vor allem: David Harvey, Der neue Imperialismus, Hamburg 2005

Eine Reaktion zu “Peripherie als schwarzes Loch”

  1. Hoch die Trans-Inter-Anti! | bikepunk 089

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